Wellen

Da war ich mal an einem Strand…ein bemerkenswerter Strand. Sehr kurz, fast wie eine gelbe steile Rampe. Nichts desto trotz ein Strand an dem sich viele Menschen tummelten und eben taten, was man an Stränden so zu tun pflegt. Einige lagen im klaren Licht des Tages, andere sprangen zwischen jenen herum oder gleich ins Wasser.

Am oberen Ende dieses Strandes verlief eine Straße. Ich weiß nicht woher oder wohin, jedenfalls stand ich auf eben dieser Straße und schaute hinunter aufs Meer. Ein kleines Mäuerchen trennte Strand und Straße. Irgendwie hatte sich niemand die Mühe gemacht ein Stück dieser Mauer auszusparen, damit man einfach zum Meer gelangen konnte. Doch nun war sie andererseits auch so niedrig, dass jeder hinübersteigen konnte.

Mit den Leuten auf dem – doch ziemlich – gelben Sand hatte ich eigentlich nicht viel zu schaffen. Sie störten auch nicht, da noch genug Platz zwischen ihnen war, mich bis zum Meer vorzubringen. Ahhh, das Meer! Da wollte ich hin. Und da stand ich nun.

Dieses Glitzern, dieses Schillern. Wenn die Sonne mit all ihrer Macht auf die bewegte Fläche des Meeres scheint. Es macht einen blind. So wunderbar blind. Alles verliert seine Farben, wird zu einem blendenden Weiß. Darin noch das Aufblitzen von Diamanten. Das nimmermüde Meer.

Lange stand ich so da. Stand und schaute und verlor mich im Licht. Doch irgendwann sah ich eine Bewegung auf dem…oder besser in dem Meer, die nicht so recht passen wollte. Etwas, das sich anders bewegte, sich nicht mitbewegte, sondern…seinen eigenen Weg suchte. Wie gesagt, es war schwer auszumachen, ich war ja fast blind. Anfangs war es mehr ein Gefühl, als etwas, dass ich tatsächlich gesehen hätte.

Für mich schienen es lange Minuten zu sein, doch dann sah ich, was da auf den Strand zukam. Es waren Wellen. Nun ja, nicht irgendwie Wasserwellen, oder sonstige, sondern einfach nur Wellen. Das Wellige. Ohne Materie. Das, was das Wasser wellig macht. Jedoch hier waren sie getrennt von aller Materie. Frei von den Dingen. Und sie erhoben sich.

Ein faszinierender Anblick: eine reine Welle zu sehen. Wie ein großer, breitschwinginger Vogel erhob sie sich aus dem Meer. Direkt vor mir. Ein langgezogener Halbmond. Durchzogen von irisiert feinen Filamenten. Pulsierend in allen Farben und doch fast durchsichtig. Ein Organismus aus unzählig feinen Fäden. Wo sie ihre Schwingungen für einen kurzen Moment zusammen brachte, da konnte man einen gewellten Strang erkennen. Und im nächsten Moment verschwanden sie fürs Auge, um sich wo anders wieder zu finden. Es blieb jedoch immer ein geschlossenes Wesen, denn viele erhoben sich nun vom Meer in den klaren Himmel.

Leider machte sich schnell ein bedrohliches Gefühl unter den Menschen am Strand breit. Wie das in solchen Momenten ist, man weiß nicht warum…man weiß nur. Also wussten wir alle, dass diese Wellen uns nicht freundlich gesonnen waren. Den Grund haben wir nie erfahren. Trotzdem war ich immer noch fasziniert von diesen Wesen. Diese Schönheit. Diese Eleganz. Was hatten sie gegen uns? Immer mehr dieser Wellenwesen flogen über uns hinweg in ihrem überirdischen Glanz. Die Menschen rannten vom Strand und ich im Herdentrieb mit ihnen.

An einem Haus nahe dem Strand, ließ ich mich zurückfallen. Es musste bestimmt sehr schön sein, in so einem Haus am Meer zu wohnen. Ein flaches, in hellen Beigefarben gehaltenes Haus. Mit einem überdachten Bereich zwischen Wohnhaus und Garage. Unter diesem Dach hielt ich an. Ich konnte mich – trotzallem Unbehagen, die die Wellen verbreiteten – nicht an ihnen sattsehen. Der Himmel war voll von ihnen.

Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Ich wurde zur Welle…oder besser, ich wurde zu einem Mitreisenden auf einem Wellenwesen. Ich sah plötzlich, was sie sahen. Eine klare, helle Welt. Nirgendwo eine Wolke. Nur strahlendes Mittagslicht. Und ich flog über das schillernd türkise Meer; über sanft dahin rollende Hügel unter einem Teppich aus kräftigem Grün; über dunkle, dichte Wälder, mit gesunden Bäumen und kühler, feuchter Luft; über schroffe, graue Felsen an denen selbst der stärkste Wald scheitert und aufbricht. Über all das flog ich mit meinem Auge. Eine wunderschöne Welt. Und der Horizont war weit.

Doch selbst als ich in dieser Welle war, wurde mir nicht klar, warum sie für uns eine Gefahr darstellten…ich wusste nur, dass es so war. Irgendwie, schien ich mich während meiner Zeit die ich im Himmel verbrachte, auf Erden ebenfalls bewegt zu haben. Jedenfalls war ich nun am Rand eines Gebirges. Dort stand ein altes, verlassen Gebäude. Groß war es und einen Turm hatte es. Vielleicht war es einmal eine Fabrik gewesen oder etwas anderes in der Art. Alles rechteckig; Gebäude, Fenster, Turm, Türen. Verwaschengrau. Dort zog es mich hin.

Eine Tür direkt am Turm, ließ mich in ein Treppenhaus. Rechteckig versteht sich und grau. Da die Wellenwesen durch die Himmel glitten, zog ich es vor, die Treppen nach unten zu nehmen. Es ging tief hinunter. Viele Treppen. Doch am Ende stand ich erneut vor einer Tür. Eine schwere, wuchtige Tür. Ich stieß sie auf. Dahinter eröffnete sich mir eine weite Hohle. Dieser Unterschied, dort der kalte, rechteckige Beton, hier die natürlichen, verspielten Formen ausgewaschenen Gesteins. Hier war ich sicher.

Zu meiner Überraschung war ich nicht alleine in dieser Höhle – die sich bald als recht groß herausstellen sollte. Andere Menschen hatten auch den Weg hierher gefunden, auf der Flucht vor den Wellenwesen. – Es machte mich immer noch traurig, wie so etwas schönes, so bedrohlich sein konnte. – Man lernte sich schnell kennen und allen wurde klar, dass wir hier so schnell nicht mehr fortkommen würden. Einmal ging ich mit ein paar anderen noch durch das Turmtreppenhaus nach draußen, doch als uns klar wurde, dass sich an der Lage nichts geändert hatte, gingen wir wieder zurück in unsere neue Heimat und verschlossen die Tür für immer.

Da saßen wir kleines Häuflein nun und fingen an uns einzurichten. Die Höhle hatte eine riesige Kammer von der aus Dutzende und Dutzende Wege und Schächte abgingen. In dieser großen Kammer hatten wir bald ein kleines Dorf errichtet. Nun ja, eher eine Ansammlung schäbiger Hütten. Wir hatten nicht viel, mit dem wir arbeiten konnten. – Ich habe nicht mal mehr genau in Erinnerung – sollte ich sie je gehabt haben – mit was wir genau gearbeitet hatten. – Doch dies war auch weiter nicht schlimm, da es ein sehr angenehmes Klima in der Kammer gab. Angenehm warm und feucht. Jeden Tag.

Es vergingen viele Tage. Und irgendwann waren daraus Jahre geworden. Eine kleine Gemeinschaft hatte sich herausgebildet. Dies ging sogar soweit, dass sich die Physis der Menschen veränderte, je nach dem, was sie machten und dachten. Nach der langen Zeit gab es verschieden Arten von Menschen; in ihrer Essenz verschieden. Ausgebrütet im warmen Schoß der Erde. Dies fand keiner von uns seltsam. Es war eine natürliche Veränderung; langsam und stetig. Ich konnte mich nicht an eine Veränderung zu meinem früheren Ich erinnern. Doch ich glaube, das ging allen anderen ebenso. Das Ich wurde eigentlich gar nicht verändert. Das Ich trat nur jetzt im Körperlichen in Erscheinung. Wir wurden in dieser Höhle erst zu dem, was wir eigentlich waren.

Als all dies geschehen war, entschieden wir uns einen Ausgang zu suchen, um zu schauen, was aus den Welt und den Wellen geworden war. Nach einer kurzen Weile fanden wir dann auch einen Weg durch das unterirdische Labyrinth, welcher uns nach außen führte. Aus einem breiten bogenförmigen Felsloch traten wir zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder in das Sonnenlicht.

Es war wunderschön. Wie soll ich es anders beschreiben. Diese Welt vor uns…Wir standen da, am Rande des Gebirges, und schauten über ein ewig weites Feld grüner Hügel. Am rechten Rand unseres Blickes zog sich ein Streifen dunkler Wälder entlang. Der Himmel war klar, das Licht hell…wie an unserem letzten Tag vor vielen Jahren. Am Horizont konnte man das Funkeln des Meeres erahnen. Es war ein Paradies. Und alle, wie wir da standen und glücklich auf diese junge Welt schauten, wussten, dass die Wellen verschwunden waren. Wir wussten auch, dass wir die letzten und einzigen Menschen waren. Es gab nur noch uns und dieses Eden. Wir waren glückselig.

Und hier enden meine Erinnerungen.

~ von tlwomega am 7. Dezember 2008.

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